Reformierte Elite bekämpft den Niedergang ihrer Kirchen
Im Oktober 2025 haben sich an der Universität Zürich Vordenker und Steuerleute der kriselnden "Reformierten Kirche Schweiz" getroffen, um über Massnahmen angesichts von Mitgliederverlusten und Pfarrermangel zu diskutieren. An drei Tagen präsentierten Professoren der Theologie, Präsidenten/-innen von Kirchenräten, Pfarrer/-innen und kirchliche Funktionäre ihre Ideen, wie der Krise zu begegnen ist.
Die mehrsprachige theologische Konferenz lief unter dem Titel "Die Zukunft der reformierten Kirche in der Schweiz" (Programm). Wer teilnehmen wollte, konnte dies kostenlos tun. Die einladenden theologischen Fakultäten von Zürich und Genf scheuten die Kosten nicht. Schliesslich geht's um die bare Existenz, wie an der Tagung ausgeführt wurde. Kirchen hätten als öffentlich-rechtliche Institutionen ja einen verfassungsmässigen Auftrag zum Wohle des Volkes (Predigt, Diakonie, Seelsorge, Herstellen von Gemeinschaft).
Wenn der Niedergang der zunehmend irrelevanten Kirchen unverändert weitergeht, werden die reformierten Kirchen eines Tages ihren Rechtsstatus wohl verlieren und damit auch ihre staatliche Alimentierung. Sie würden zu Freikirchen und müssten sich fortan auf dem religiösen Markt behaupten.
Mutiges Aufgebot
Man muss den Organisatoren zugutehalten, dass sie es gewagt haben, zwei inhaltlich und formal sprühende Referenten aus der Neuen Welt einzuladen:
- Edwin Chr. van Driel, Prof. Dr., Pfarrer, Professor für Systematische Theologie am Pittsburgh Theological Seminary (PA/USA)
- Bruce Gordon, Prof. Dr., Titus Street Professor für Reformationsgeschichte, Yale Divinity School, New Haven (CT/USA)
Das erwähnte Wagnis des einladenden Komitees zeigte sich am Sachverhalt, dass diese beiden Referenten offensichtlich dem evangelikalen Lager zuzurechnen sind. Es sind also Christen, für welche die Wunder der Bibel, der Sühnetod des Gottessohnes und die leibliche Auferstehung Jesu Tatsachen sind. Natürlich haben Professoren, die die Gegenwart des Heiligen Geistes als stetige Grundlage einer lebendigen Kirche betrachten, Hoffnung und Worte für eine neu aufblühende Kirche zu verkünden.
Hoffnungsvoll und erfrischend haben die beiden Herren dann auch referiert (alle Referate der Tagung sind abrufbar in Englisch, Deutsch und Französisch):
- In seinem Eröffnungsvortrag vom Sonntagabend, 19.10.25, wies Prof. Driel hin auf das: „Wirken des lebenden und gegenwärtigen Herrn …, der, nachdem er auferstanden und aufgefahren ist, die Geschichte regiert und sie zu ihrem endgültigen Ziel führt… In diesem gegenwärtigen und fortdauernden Werk der Sammlung durch den auferstandenen und aufgefahrenen Christus verortet der Verfasser (Paulus im Epheserbrief) die Kirche." - Prof. Driel ermutigte Kirchenverantwortliche zum gemeinsamen Hören auf Gott, da Jesus als Autor und Vermittler kirchlicher Baupläne gegenwärtig und mitteilsam sei. Getreu der neutestamentlichen Zusage, die Jesus seinen Jüngern gab: dass ER selbst in ihrer Mitte ist, wenn zwei oder drei Nachfolger in Seinem Namen zusammenkommen.
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Auch Prof. Gordon referierte mit Begeisterung vom prophetischen „Aussprechen der Wahrheit“ als begründende und gestaltende Kraft einer geistlichen und relevanten Kirche. Er diagnostizierte Irrelevanz und theologische Krise, wenn die Kirche ihre prophetische Berufung vergisst. „Die Kirche, die es wagt, ein kostspieliges Wort zu sprechen, Nein zu sagen zu Gier, Eitelkeit und Selbstvergötterung, wird gerade deshalb gehört werden, weil sie nicht wie alles andere klingt. Eine Kirche, die die Wahrheit über Sünde, Vergebung und Gnade sagt, die die Menschen nicht zur Selbstdarstellung, sondern zur Selbsthingabe aufruft, die darauf besteht, dass Freiheit in Gehorsam zu finden ist, wird die Gleichgültigen aufrütteln und ihre Aufmerksamkeit erregen... Eine prophetische Kirche wird … zeigen, dass das Wort Gottes immer noch die Kraft hat, zu beunruhigen, zu heilen und neues Leben hervorzubringen. In einer Kultur, die vergessen hat, wie sich Verwandlung anfühlt, könnte das der Beginn des Glaubens selbst sein.»
Gegenmodell einer aristotelischen Kirche
Im Unterschied zu den "evangelikalen", sind die "liberalen" Theologen von Aufklärung und Bibelkritik bestimmt. Agnostisch und humanistisch geprägte Pfarrherren und -damen gehen nicht von der Gegenwart und dem Sprechen eines auferstandenen Jesus aus. Da Gott eher fern ist und Jesus lediglich ein überdurchschnittlich guter Mensch war, sind solche "Kirchendiener" in der Pflicht, die Programme für eine Zukunft der reformierten Kirchen selber zu generieren. Keine angenehme Aufgabe angesichts der drastischen Krise.
In den vielen säkular-liberalen Referaten wurde eine Fülle von Ideen vorgelegt, wie der Negativdynamik der Reformierten zu begegnen sei. Erwähnenswert sind hier zwei philosophische Ansätze, von welchen die Referenten eine neue Belebung der sterbenden Kirchen erwarten:
- Prof. Dr. Thomas Schlag, Professor für Praktische Theologie, Universität Zürich, Mitglied des einladenden Komitees, benannte folgendes Leitbild einer humanistischen Kirche: «Schließlich erscheint mir für die Frage des Gelingens einer solchen Gemeinschaft als entscheidend, was in dieser Mitte, sozusagen in der Interaktion und Kommunikation selbst, geschehen kann und möglich wird. Und hier empfinde ich nochmals die anfangs verwendete Rede der Ergebnisoffenheit und des Prozesses als sehr wesentlich… Tragfähige Gemeinschaft kann aus meiner Sicht dort entstehen, wo gleichsam in der Form des Maßes in einem aristotelisch-weisheitlichen Sinne immer wieder Aushandlungs- und Abwägungsprozesse stattfinden, wo eine Kunst der Unterscheidung und die Suche nach dem „Mittleren“ gepflegt wird.»
- Dr. Stephan Jütte, Mitglied der Geschäftsleitung der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), Leiter Abteilung Theologie und Ethik, distanzierte sich mit seinem Votum von den festen Werten, welche die Kirche früher begründet hatten. Stattdessen warf er in die Runde: «Sie (die Kirche) müsste sich selbst als Suchgemeinschaft verstehen, die die Wahrheit nicht besitzt, sondern ihr entgegengeht. Vielleicht liegt das Prophetische heute nicht im Sprechen „aus der Mitte der Wahrheit“, sondern im Sprechen auf die Wahrheit hin, im Aushalten des Unfertigen.»
Milchsuppe statt theologischem Diskurs
Dass die evangelikale und die liberale Theologie sich ontologisch widersprechen, sich also gegenseitig radikal ausschliessen, erwähnte an der Tagung niemand. Die Zusammenkunft der Kirchenführer erinnerte darum stark an die Kappeler Milchsuppe. 1529 hatten sich theologisch verfeindete Lager zum Krieg in Kappel getroffen. Katholiken und Reformierte waren derart zerstritten, dass sie die Lösung ihres Konflikts nur noch von einem Waffengang erwarteten. Doch statt Blut floss Milchsuppe. Die Kriegsführer entschieden sich, die konfessionelle Streitfrage zu umgehen. Bei einem gemeinsamen Mahl wurde ein wackliger "Frieden" geschlossen.
Auch an der Zürcher Tagung der Reformierten im Jahre 2025 gab es keine Auseinandersetzung. Keinen Kampf. Ähnlich wie in Kappel erfolgte lediglich eine "Heeresschau". Die Verfechter der beiden Lager zogen auf. Sie hielten imposant ihre schlagenden Argumente hoch. Präsentierten sie u.a. mit Verve. Doch es kam nicht zur "Konfrontation". In Repliken zu den Hauptreferaten wurden da und dort zwar kritische Anmerkungen gemacht und widersprechende Argumente freundlich eingebracht. Doch eine vertiefende Diskussion über die Unvereinbarkeit der beiden theologischen Lager blieb aus. Das organisierende Komitee hatte es unterlassen, einen neutralen, kritischen Journalisten als Leiter der Diskussion zu bestellen. Natürlich hätte ein solcher Diskussionsleiter dann auch die Kompetenz erhalten müssen, die notwendige Auseinandersetzung zu evozieren und zu steuern.
Ein solcher Diskurs hätte sicherlich viel Zeit in Anspruch genommen. Dies wiederum hätte es unmöglich gemacht, die relativ kurze Tagung im Plenum und in Workshops mit 37 Referenten/-innen zu bestücken. So blieb es primär beim Aufreihen von Positionen. Existenzielle Widersprüchlichkeit wurde weder benannt noch diskutiert.
Organisation des Niedergangs
Doch nicht nur der nötige theologische Diskurs ist an der Zürcher Konferenz unterblieben. Die Organisatoren haben es auch unterlassen, die "Reformierte Kirche Schweiz" (RKS) in einen kritischen Referenzrahmen zu stellen. So konnte die Präsidentin der RKS, Pfrn. Rita Famos, in ihrer Begrüssungsrede fast etwas stolz darauf hinweisen, dass es 100 Millionen Christen in Reformierten Kirchen weltweit gebe. Einen zeitlichen und gesamtkirchlichen Zusammenhang verschwieg auch Frau Famos.
Die Benennung von Wachstumsraten oder Verlusten der Kirchen im nationalen und internationalen Umfeld wäre jedoch nötig gewesen, um die Krise der RKS besser zu verstehen. Die Zahlen sprechen eine laute Sprache. Sie hätten präsentierte Analysen und Lösungsvorschläge viel stärker in ein offenbarendes Licht gerückt:
- Aktuell gibt es noch ca. 200 Millionen Reformierte und Lutheraner weltweit. Tendenz rückläufig; um das Jahr 1900 sind es noch ca. 300 Millionen gewesen.
- Evangelikale Freikirchen, Pfingstkirchen, Charismatiker, Hausgemeinden schätzt man aktuell auf 700 Millionen Mitglieder. Die Pfingstkirchen nahmen 1905 in Los Angeles ihren Anfang. Die aktuellen Wachstumsraten sind zum Teil explosiv.
- Die grösste christliche Kirche, die Römisch-Katholische mit 1.25 Mrd. Gläubigen, wächst nach wie vor leicht.
Hätte man diese Fakten präsentiert und kommentiert, wäre den Voten Driels und Gordons zusätzliche Brisanz zugekommen. Vereinfacht sagt ja die Statistik, dass säkularisierte Kirchen allmählich sterben, während konservative und evangelikale Kirchen aufblühen. Die Diskussion dieser Folgerung wäre sicherlich sehr dynamisch und zeitintensiv gewesen.
Auch die Dynamik, mit welcher evangelikale Pfarrer/-innen in der Schweiz ihr Gemeindeleben gestalten, wurde nicht aufgegriffen. Somit unterblieb die Frage, ob evangelikal geführte Schweizer Kirchgemeinden im Durchschnitt lebendiger sind und mehr Kirchenbesucher anziehen als liberale Gemeinden. Nun, allzu Substanzielles war wie erwähnt nicht vorgesehen.
Selbstredend, dass die liberalen Referenten an der Konferenz nicht mit Begeisterung von einem dynamischen Aufbruch in eine erweckte Kirchenepoche sprechen konnten. Vielmehr verlegten sie sich darauf, dem Niedergang der RKS mit Ideen logistischer, unternehmerischer Optimierungen entgegenzutreten. Obschon die Begriffe „Mitgliederschwund“ und „Pfarrermangel“ sich redundant und schwer auf die Zuhörerschaft legten, baten einzelne Referenten darum, der Sterblichkeit der Reformierten Kirchen nicht allzu viel Beachtung zu schenken. Mit organisatorischen Anpassungen könne es gelingen, sich verstärkende kirchliche Problemfelder zu entschärfen.
Als ein pensionierter Pfarrer, der unter Studenten arbeitet, in der Fragerunde am Montagabend erwähnte, dass ¾ der Theologie-Studenten an staatlichen Universitäten von den Freikirchen kämen, schien dieses Faktum niemanden mehr wirklich zu berühren. Sedation. Keine Diskussion. Die Schuld für den Niedergang der RKS suchte das liberale Lager sowieso nicht bei der eigenen Theologie. Als primäre Verursacher wurden gesellschaftliche und demographische Entwicklungen genannt.
Fazit
Evangelikale und konservative Kirchengestaltung führt vielfach zu Wachstum und Zukunft, während liberale, entmythologisierte Kirchen ihre Vitalität verlieren und schrumpfen. Es wäre dem Programm der Tagung zuträglich gewesen, Wachstums- und Zersetzungsfaktoren christlicher Kirchen deutlicher darzustellen und zu diskutieren. Natürlich wäre das herausfordernd gewesen, aber sicherlich ergiebiger. Vielleicht könnte eine nächste Tagung der Krise mutiger auf den Grund gehen und mit offenem Visier die nötige Kontroverse wagen?
Kommentar
1531 machte der 2. Kappelerkrieg deutlich, dass die beiden Lager nicht fähig waren, die theologischen Differenzen zu lösen oder stehen zu lassen. Statt Milchsuppe floss dieses Mal Blut, auch jenes von Huldrych Zwingli.